verschiedenen Interessen, welche sich aus den familiären und betriebswirt- schaftlichen Anteilen heraus ergeben, in Einklang gebracht werden. Die Füh- rungskraft selbst ist gefragt, die eige- nen familiären und unternehmerischen Rollen in Balance zu bringen und das Unternehmen in die Zukunft zu führen, ohne die Wurzeln und Traditionen außer Acht zu lassen (Suddaby & Jas- kiewicz, 20203). Obwohl der generationenübergreifende Bestand sowie die Verbindung von Familie und Unternehmen die DNA von Familienunternehmen bilden (Chua et al., 19994), ist die reibungslose Über- gabe von der einen Generation zur nächsten eine Wunschvorstellung. Die meisten Übergaben scheitern. Da Fami- lienunternehmen und deren Führungs- kräfte keine homogene Masse darstel- len, gibt es bisweilen kein Patentrezept für eine harmonische familieninterne Weitergabe. Neben anderen wichtigen Aspekten nimmt die nächste Genera- tion eine Schlüsselposition ein. Ist diese in der Lage, die Übernahme erfolgreich zu meistern? Das Anliegen hat in einer Vielzahl von Familienunternehmen eine gewisse Dringlichkeit, denn allein in Deutschland sind laut den Berech- nungen des Instituts für Mittelstands- forschung bis 2026 knapp 190.000 Familienunternehmen übergabereif und weitere 772.000 übernahmewürdig (Statista, 20245). Früher oder später stellt sich in allen Familienunternehmen die Frage, wie die Nachfolge ablaufen kann. Die For- schung zeigt, dass die Übergabe im besten Fall ein gründlich vorbereiteter Prozess ist (Le Breton–Miller et al., 20046). Dazu gehört auch, einen geeig- 3 Suddaby, R., & Jaskiewicz, P. (2020). Managing Traditi- ons: A Critical Capability for Family Business Success. Family Business Review, 33(3), 234–243. https://doi. org/10.1177/0894486520942611 4 Chua, J. H., Chrisman, J. J., & Sharma, P. (1999). Defining the Family Business by Behavior. Entrepreneurship Theory and Practice, 23(4), 19–39. https://doi. org/10.1177/104225879902300402 5 Statista am 5.01.2024: https://de.statista.com/statistik/ daten/studie/281012/umfrage/unternehmensnachfolge- zur-uebergabe-anstehende-unternehmen/#:~:text=ei- ner%20alternativen%20Kapitalanlage.-,Unternehmens- nachfolge%20in%20Deutschland,Übergabe%20anstehen- de%20Unternehmen%20nach%20Umsatzgrößenklassen). 6 Le Breton–Miller, I., Miller, D., & Steier, L. P. (2004). To- ward an Integrative Model of Effective FOB Succession. Entrepreneurship Theory and Practice, 28(4), 305–328. https://doi.org/10.1111/j.1540-6520.2004.00047.x neten Nachfolgenden auszuwählen und diesen entsprechend vorzubereiten. Auf der anderen Seite müssen potenzielle Nachfolgende entscheiden, ob sie das Familienunternehmen weiterführen und den vorgezeichneten Weg ins Unternehmen befolgen wollen. Auch wenn Übergebende ihre Nachkommen bestmöglich vorbereiten wollen, ändern sich die Anforderungen an die Füh- rungsrolle ständig. Auch sind die Werte und Lebensvorstellungen der Genera- tionen zunehmend unterschiedlich. Heutzutage ist die Übernahme der Nachfolge kaum mehr eine selbsterfül- lende Prophezeiung für die Hineinge- borenen. In früheren Zeiten gab die Primogenitur, die Norm, dass der Erst- geborene das Unternehmen über- nimmt, den Ablauf der familieninter- nen Übergabe vor. Der Ausbildungs- und Karriereweg dieser war somit vor- gezeichnet. Die Entscheidung, ob doch ein anderer Sohn oder gar die Tochter übernimmt, stand nur in außerordent- lichen Situationen zur Diskussion. Heute wägen viele Nachfolgende genau ab, welche Chancen und Risiken die Über- nahme für diese birgt oder ob sich eine Karriere außerhalb im persönlichen Ermessen eventuell mehr lohnt. So müs- sen Übernehmende und Übergebende einen Konsens finden, der persönliche, familieninterne und unternehmerische Interesse in Einklang bringt. Was beeinflusst und formt aber diese Interessen? Identität stellt hier ein wichtiges Bindeglied dar. Diese hilft, Sinn aus dem Erlebten zu gewinnen, leitet Entwicklungsprozesse und das Erlernen von führungsrelevanten Fer- tigkeiten. Insgesamt ist die Entwick- lung zu einer Führungskraft nicht nur durch die Ausbildung bestimmter Fähig- keit charakterisiert, sondern stellt die gesamte Person dar (Liu et al., 20207). Die Identität als Nachfolgende spiegelt das eigene Selbstbild in der Rolle wider und beantwortet die Frage: Wer bin ich? Identität gibt Aufschluss darüber, Wissenswert 7 „ Die meisten Über- gaben scheitern. Da Familienunternehmen und deren Führungskräfte keine homogene Masse darstellen, gibt es bisweilen kein Patentrezept für eine harmonische familieninterne Weitergabe. “ wie wir uns selbst sehen und auch wir die Welt um uns herum wahrnehmen. Rollen stellen Ressourcen für Identitä- ten da. Da jeder über mehrere Rollen im beruflichen sowie privaten Kontext ver- fügt, sind Identitäten mehrdimensio- nal. Sie sind keine einheitlichen und starren Konstrukte. Die enge Verzah- nung von Familien- und Unterneh- mensrollen steigert die Komplexität der Identität als Führungskraft in einem Familienunternehmen (Tagiuri & Davis, 19968). Nachfolgende in Familienunter- nehmen brauchen eine Identität, die innere Überzeugung und äußere Erwar- tungen miteinander abstimmt. Sich selbst als Nachfolgerin oder Nachfolger wahrzunehmen, ist das Fundament für die zielgerichtete Entwicklung zur Füh- rungskraft (Kwok et al., 20189). Hierbei ist zu beachten, dass Identitä- ten nicht von außen vorgeben werden können. Jeder entwickelt im Zeitverlauf die eigenen Identitäten. Diese sind formbar. Sie können aktiv verändert und angepasst werden (Caza et al., 201810). Aktuelle Forschung betrachtet zunehmend den gesamten Werdegang von Führungskräften um zu verstehen, inwiefern Kindheitsentwicklungen sowie bestimmte Lernerfahrungen richtungsweisend für die persönliche 8 Tagiuri, R., & Davis, J. (1996). Bivalent Attributes of the Family Firm. Family Business Review, 9(2), 199–208. https://doi.org/10.1111/j.1741-6248.1996.00199.x 9 Kwok, N., Hanig, S., Brown, D. J., & Shen, W. (2018). How leader role identity influences the process of leader emergence: A social network analysis. The Leadership Quarterly, 29(6), 648–662. https://doi.org/10.1016/j.lea- qua.2018.04.003 7 Liu, Z., Venkatesh, S., Murphy, S. E., & Riggio, R. E. (2020). Leader development across the lifespan: A dynamic ex- periences-grounded approach. The Leadership Quarterly, 101382. https://doi.org/10.1016/j.leaqua.2020.101382 10 Caza, B. B., Vough, H., & Puranik, H. (2018). Identity work in organizations and occupations: Definitions, theories, and pathways forward. Journal of Organizational Beha- vior, 39(7), 889–910. https://doi.org/10.1002/job.2318 1 // 2024